2. Nov, 2016

Das alte Okinawa-Karate verwendet eine ganz besondere Fausthaltung. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fausthaltungen, wird der Zeigefinger im 2. Fingergelenk gestreckt gehalten (siehe Foto). Ich selbst verwende ebenfalls zumeist diese Handhaltung, wurde jedoch schon des Öfteren auf Lehrgängen angesprochen, warum ich so eine komische Faust mache, oder ob ich nicht weiß, wie man eine richtige Faust macht. Diese Fausthaltung sieht etwas ungewöhnlich aus, hat jedoch einige Vorteile. Hier sind 5 Vorteile der „Karate-Faust“:

1.      Bei der normalen Faust, bei der man alle 4 Finger gleich einrollt, entsteht in den Mittelhandknochen eine sehr große Spannung. Diese Spannung kann man am Handrücken gut spüren. Trifft man mit dieser Faust auf einen festen Gegenstand auf, z.B. einen Knochen des Gegners so kann es passieren, dass der Mittelhandknochen des Zeigefingers dabei bricht. (Hab ich selbst schon bei einem Bruchtest geschafft - Autsch!!!). Durch den gestreckten Zeigefinger, berührt der Daumen nicht den Mittelfinger, wodurch die Spannung in den Mittelhandknochen geringer ist, und somit nicht so verletzungsanfällig wird.

2.      Früher ist es mir öfters passiert, dass ich mir im Rahmen des Kumite-Trainings den Daumen verstaucht habe, weil ich mit dem Daumen irgendwo am Gegner hängengeblieben bin. Durch den gestreckten Zeigefinger, ist der Daumen viel besser an der Faust fixiert, und die Verletzungsanfälligkeit ist wiederum geringer.

3.      Durch den gestreckten Zeigefinger, kann man viel schneller von der Fausthaltung zur Einknöchelfaust (Ippon-ken) mit dem Zeigefinger wechseln.

4.      Durch die große Spannung in der Faust, wird auch der Energiefluss (Jap. Ki, chin. Qi) im Körper gebremst. Die Wirkung im Ziel ist dadurch geringer. Bei der Fausthaltung mit gestrecktem Zeigefinger kann die Energie besser durch die Faust auf das Ziel übertragen werden.

5.      Fortgeschrittene im Kyusho-jitsu lernen, dass es verschiedene Handhaltungen gibt, die eine unterschiedliche Energie (gem. der Lehre der 5 Wandlungsphasen) erzeugen. Auch diese Handhaltung hat eine eigene Energie, die man in bestimmten Situationen wirkungsvoll einsetzen kann.

Wenn man diese Fausthaltung zum ersten Mal macht, kommt sie einem sehr befremdlich vor. Wenn man sie jedoch bewusst etwas übt, so wird sie zur natürlichen Haltung und es kommt einem schon nach kurzer Zeit die normale Fausthaltung komisch vor. Wie so alles im Leben, macht ja bekanntlich Übung den Meister.

4. Okt, 2016

Was macht ein Samurai, wenn er nicht in der Schlacht ist?

Nun der nachlässige Samurai stellt sein Schwert in die Ecke und wartet auf die nächste Schlacht. Der aufmerksame Samurai verwendet die Zeit dazu, um sein Schwert zu schärfen, damit es jederzeit einsatzbereit ist. Ein Gegner erkennt sehr schnell, ob es sich um einen nachlässigen Samurai handelt, oder ob er einem gefährlichen Rivalen gegenübersteht.

Der aufmerksame Samurai schärft nicht nur sein Schwert, sondern auch seinen Geist, seine Haltung und seine Technik.

Im Karate ist unser Körper unser Schwert, dem wir immer Beachtung schenken müssen. Unser Körper wird nur dann jederzeit einsatzbereit sein, wenn wir ihn jeden Tag üben, trainieren und weiterentwickeln. So wie der Samurai sein Schwert schleift, so schleift der Karateka seine Technik und seinen Körper.

Das Schwert muss immer einsatzbereit sein und sollte nicht erst kurz vor der Schlacht geschliffen werden.

 

30. Aug, 2016

Nur allzu oft habe ich von erfahrenen Karatekas gehört, dass sie mit dem Erhalt des schwarzen Gürtels ihr Ziel im Karate erreicht haben. Sie streben nicht mehr nach höheren Zielen, sondern sind mit dem Erreichten zufrieden und versuchen einfach ihr erworbenes Niveau zu halten.

Eine schöne Vorstellung, nur leider funktioniert sie in der Praxis nicht!

Betrachten wir die Natur, so unterliegt alles einer Veränderung. Menschen, Tiere und Pflanzen wachsen (Yang) oder entwickeln sich zurück und sterben (Yin). Es gibt in der Natur keinen Baum, der sein erreichtes Niveau halten will. Entweder er wächst, oder er stirbt. Gleich ist es auch auf dem Weg der Kampfkunst. Wir können uns weiterentwickeln, indem wir weiter fleißig trainieren, uns fortbilden und uns weiterhin bemühen, dass wir uns stetig verbessern, oder wir entwickeln uns zurück, die Technik wird schlechter, die Kondition lässt nach und auch die innere Einstellung ändert sich.

Wir haben also nur eine einzige Alternative, wir müssen ständig weiter wachsen. Natürlich gibt es Phasen, wo man etwas nachlässt, wie z.B. Trainingspausen, Urlaub, Krankheiten, Leistungsplateaus usw., aber langfristig müssen wir immer bemüht sein, uns zu verbessern. Dies ist der Weg der Kampfkunst und der Weg des Lebens, oder um es mit den Worten von Lao-Tse zu sagen:

„Alles ist im stetigen Wandel, der Wandel ist das einzig dauernde“

 

20. Jul, 2016

Im Jänner 2016 habe ich ein Karate-Wintercamp in Leibnitz durchgeführt. Bei diesem Camp hat jeder, egal wie lange er schon Karate macht, oder welche Graduierung er hat, mit einem weißen Gürtel trainiert. Ich gebe zu, die Idee bei einem Camp eine einheitliche Gürtelfarbe zu tragen stammt nicht von mir, sondern habe ich von Jessen Enkamp übernommen, aber ich habe ganz bewusst einen Weißgurt gewählt. Und nun erfährst du auch den Grund dafür:

Wenn wir schon länger Karate betreiben und schon Schwarzgurt, oder sogar im Rang eines Meisters sind, haben wir schon viel Wissen und Erfahrung angehäuft. Dieses Wissen und diese Erfahrungen sind gut und wertvoll, verleiten uns aber manchmal auch, die Dinge vorschnell abzuurteilen, wenn wir etwas gezeigt bekommen. Wir sagen zu uns selbst, das kenne ich schon, oder das ist falsch, weil mein Sensei mir dies anders beigebracht hat, und schon lässt auch die Aufmerksamkeit und Konzentration nach. Mit dieser Einstellung sind wir aber nicht bereit zu lernen. Um zu lernen und um uns weiterzuentwickeln müssen wir einen offenen Geist haben, und jede Technik so betrachten, als sehen wir sie zum ersten Mal. Der Weißgurt sollte das Symbol dafür sein, denn ein Anfänger ist immer offen für Neues, da er noch über keine Erfahrungen und kein Wissen verfügt. Es ist deshalb sehr wichtig, das wir egal welchen Gürtel wir um unsere Hüfte tragen, von unserer inneren Einstellung her immer Weißgurt, immer Schüler und Lernende bleiben, damit wir uns weiter entwickeln und weiter wachsen können.

Außen Schwarzgurt und im inneren ein Weißgurt, ist das nicht eine schöne Metapher für Yin und Yang!

9. Jun, 2016

Einmal im Jahr veranstalte ich ein Karate-Trainingslager auf einem Berg irgendwo in Österreich. Untergebracht sind wir in einem alten Bauernhaus und das Training findet ausschließlich im Freien statt. Jedes Jahr aufs Neue, wird mir die gleiche Frage gestellt: Und was ist wenn‘s regnet? Die letzten Jahre hatten wir stets Glück mit dem Wetter, aber einige Jahre davor hatten wir schon von strömenden Regen bis Schneefall alles dabei. Was also tun?

 

Dieses Wochenende auf dem Berg soll ganz bewusst eine Begegnung nicht nur unter Freunden, sondern auch mit der Natur sein, die wir in heutiger Zeit ja viel zu selten erleben. Dazu gehören Sonnenschein (Yang), aber auch die nassen und kalten Seiten der Natur (Yin).

Schlechtes Wetter ist nicht nur Herausforderung, sondern auch Möglichkeit um sich weiter zu entwickeln:

 

Wenn es regnet, trainiere ich meine Willenskraft,

bei Eis trainiere ich meine Stabilität,

wenn es stürmisch ist, schule ich mein Gleichgewicht,

im Schnee härte ich mich ab,

wenn es heiß ist, verbrenne ich mehr Kalorien,

im dichten Nebel und bei Dunkelheit übe ich meine taktilen Fähigkeiten,

und der angenehme Sonnenschein macht das Training zu einem Genuss.

 

Die Natur kann zu unserem Dojo werden, aber auch zu unserem Lehrer, und wir sollten uns bedanken für die Lektionen, die wir von „Sensei Natur“ lernen dürfen – Domo arigato gozaimashita!