25. Jan, 2018

Die Budo Etikette – etwas fürs Museum oder doch nützlich?

In den klassischen Kampfkünsten wurde seit jeher sehr viel Wert auf die Verhaltensregeln der Schüler gelegt. Dies zog sich gemeinsam mit der Entwicklung der Kampfkunst von Indien über China bis nach Okinawa und Japan. Auch wir im Westen haben die Rituale der Asiatischen Kultur im Karate mit übernommen, indem wir die Verbeugungen beim Training ausführen und die Verhaltensregeln der Japaner angenommen haben. Vor allem aber durch die Versportlichung der Kampfkünste müssen die klassischen Verhaltensregel oft den modernen Wettkampfregeln weichen. Es stellt sich also die Frage, ob die Verhaltensregeln (Budo Etikette) noch zeitgemäß sind, oder ob wir sie nicht einfach weglassen können?

Wir tragen im Karate grundsätzlich einen weißen Karate-Gi (Anzug) mit einem Gürtel in der entsprechenden Farbe. Beim Gürtelbinden wird immer sehr viel Wert daraufgelegt, dass die beiden Enden des Gürtels gleich lange herunterhängen. Dies ist nicht nur, damit es ordentlich ausschaut, sondern aus philosophischer Sicht repräsentieren diese beiden Enden den äußeren und den inneren Weg des Übenden. Der äußere Weg besteht aus dem Erlernen der Techniken, Katas, Kampfübungen usw. Darüber hinaus gibt es aber auch einen inneren Weg, der sich mit der charakterlichen Entwicklung des Schülers beschäftigt. Widmen wir uns nur dem äußeren Weg (Techniken), so entsteht Gewalt ohne Kontrolle. Richten wir unser Augenmerk ausschließlich auf den inneren Weg, werden wir zu Philosophen, die nichts bewirken können. Die beiden Enden des Gürtels müssen deshalb gleich lang sein, weil sowohl dem äußeren, als auch dem inneren Weg die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Vernachlässigen wir einen Bereich, erhalten wir auch nur die Hälfte von dem, was uns Karate-do tatsächlich bieten könnte, nämlich ein ganzheitliches Entwicklungssystem für Körper und Geist.

Die Grundlage für den inneren Weg stellt die Budo-Etikette dar. Sie ist bei vielen Schülern nicht sehr beliebt, erinnern sie einen doch ständig an die eigenen Schwächen und Nachlässigkeiten. Sie sind aber auch ein hervorragendes Trainingsinstrument, um sich selbst als Person weiterzuentwickeln. Durch die Einhaltung der Budo-Etikette lernen wir, wichtige Eigenschaften, die nicht nur für das Karate, sondern auch für unser tägliches Leben von Bedeutung sind, wie z.B.

1.      Schulung von Sozialen Fähigkeiten

  • Zuverlässigkeit
  • Respekt
  • Rücksichtnahme
  • Anpassungsfähigkeit
  • Höflichkeit
  • Hilfsbereitschaft

2.      Schulung von Erfolgseigenschaften

  • Eigendisziplin
  • Konzentration
  • Ausgeglichenheit
  • Bereitschaft zu Lernen

Große Persönlichkeiten der Kampfkunstgeschichte, sei es nun Boddhidarma, YueYuan, Shungo Sakugawa, Sokon Matsumura, Chotoku Kyan, Gichin Funakoshi, Kenwa Mabuni usw. haben uns jeweils Verhaltensregeln für die innere Entwicklung des Übenden hinterlassen.

Oft werden die Regeln nur eingehalten, wenn der Lehrer anwesend ist und die Schüler ständig dazu ermahnt. Der innere Weg muss aber genauso geübt werden, wie der äußere Weg, daher sollten diese Regeln auch eingehalten werden, wenn man alleine trainiert.

Es geht bei der Budo-Etikette nicht darum, japanische Verhaltensweisen nachzuahmen, sondern es geht ausschließlich um die eigene persönliche Entwicklung.

 

„Tradition bedeutet nicht das Aufbewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“

Marc Aurel